Humorvolle Grenzgänge

Ein Gastbeitrag von Michael Schaefer

Diesmal hatte ich ein Kissen dabei. Ich wollte nicht noch einmal, wie vor einem Jahr, mit schmerzendem Hintern dauernd auf der harten Kirchenbank rumrutschen. Stört ja auch die anderen. Ein zweites vorweg: Es ist auch im Zeitalter der Gratismusik NICHT selbstverständlich, dass man in einer Dorfkirche bei freiem Eintritt absolute Weltklasseleute zu hören bekommt (dieses Jahr waren es Carsten Klomp an den Tasten und Rudolf Mahni an der Trompete). Die Waldkircher Orgelbauer Jäger & Brommer haben da aber nicht nur die guten Verbindungen, sondern auch ein paar Sponsoren – und eine gut besetzte Merdinger Kirche war der Lohn. (Auch das ist wichtig: Man kann mit solchen Konzerten trotz Gratis-Eintritt auch auf die Nase fallen, wie das Merdinger Kunstforum weiß.)

Orgelkonzert St. Remigius 2015

Den Gesamteindruck einmal gleich genannt: Die Programmzusammenstellung war dieses Jahr erfrischend experimentierfreudig. Natürlich gab es auch die ganze triumphale Pracht zu hören, zu der Orgel und Trompete fähig sind: mit dem höfischen Pomp des Engländers Jeremiah Clarke und seiner Suite D-Dur, die das Konzert eröffnete, oder mit Alexandre Guilmants Larghetto B-Dur. Aber das einzige Stück, das wirklich jedem vertraut sein dürfte, „Es ist ein Ros entsprungen“, kam in einer modernistischen Bearbeitung von Carsten Klomp daher, die das vertraute Original verfremdete – hoch interessant, aber eben auch ein bewusster Verstoß gegen Hör-Erwartungen.

Orgelkonzert St. Remigius 2015

Solcherlei – durchaus nicht nur ernste, sondern auch humorvolle – Grenzgänge gab es einige: zu nennen wären da noch Klomps „Variationen über kein französisches Weihnachtslied“, in denen ein volkstümlich-weihnachtlich anmutendes Thema zahlreiche jazzige Metamorphosen durchlief, bis hin zu einem überraschend auftauchenden „Take Five“; Klomps „Noel des Bergers“ („Weihnachten der Schäfer“), in ernstem Moll beginnend, verwandelte sich in einen fröhlichen Volkstanz; Bachs „Italienisches Konzert“ BWV 971, eigentlich ein Werk für das Cembalo, malte im Andante durch Klomps Registrierung Friedhofsdüsternis pur und gewann so schauerliche Tiefe; Lefébure-Wélys „Drei Stücke“ brachten religiöse Themen, aber in einem mondänen Stil, für den dieser Pariser Komponist im 19. Jahrhundert bekannt war; Haydns „Drei Stücke für die Flötenuhr“ brachten Material, das ursprünglich für die mechanische Orgel geschrieben wurde, heute also eher wie exotische Spielerei wirkt, zur Live-Aufführung (natürlich mit einem Augenzwinkern in Richtung Waldkirch und seine Tradition des mechanischen Orgelbaus).

Orgelkonzert St. Remigius 2015

Prächtig, süffig und grenzgängerisch in doppelter Hinsicht wurde es auch zum Schluss mit dem fulminanten Paradestück „Le Carnaval de Venise“ aus der Feder des Pariser Kornettisten Jean-Baptiste Arban. Grenzgängerisch, weil Arbans Paradestücke dem Ausführenden alles abverlangen, was auf dem Instrument möglich ist; grenzgängerisch auch, weil das nun beim besten Willen keine Kirchenmusik ist. Als alle dachten: „Hallo, das ist doch ‚Mein Hut, der hat drei Ecken‘?“, begann Rudolf Mahni ein Feuerwerk von blitzenden Kapriolen abzubrennen, dass einem die Spucke wegblieb. Rasante Akkordzerlegungen, Glissandi und Koloraturen zeigten, dass Mahni draufhat, was Arban in seiner „Grande méthode complète“ einst lehrte. Mit zwei Zugaben im selben erfrischenden Geist ging das Konzert zu Ende und wurde mit standing ovations belohnt. Die Experimentier- und Spielfreude der beiden Musiker wurde vom Merdinger Publikum offensichtlich goutiert.

Alle Bilder: Wolfgang Brommer

0 Gedanken zu „Humorvolle Grenzgänge

  1. Das Konzert war vom ALLERFEINSTEN. Tolle Musiker und super Musik, tolle Kirche, tolle Akustik, tolle Besucher und auch eine tolle Orgel. Dann hoffe ich mal, dass es viele weitere Konzerte in der St.Remigius-Kirche geben darf.
    Allen ein GUTES JAHR 2015!

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